Oktober 2022

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Die Würde der Schöpfung

Die christlichen Kirchen Österreichs machen seit 1. September wieder auf die Dringlichkeit der Bewahrung der Schöpfungaufmerksam. Bis zum 4. Oktober, dem Fest des Heiligen Franziskus, finden österreichweit themenbezo-gene Veranstaltungen und Gottesdienste statt, wie bei uns die Tiersegnung (siehe umseitig).

Die Bewahrung der Schöpfung setzt voraus, dass wir ihre Würde anerkennen – so wie wir es für uns Menschen einfordern. Der eine oder andere meint aber, dass die Schöpfungs-geschichte in der Genesis  (Und Gott segnete sie  und  sprach  zu  ihnen:  Seid  fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan, und herrschet über Fische im Meer und über Vögel unter dem Himmel und über alles Tier, das auf Erden kreucht.) das Recht verleiht, sich als Herren der Welt aufzuspielen, sie sich zu unterwerfen, zu beherrschen und rücksichtslos auszubeuten. Tatsache aber ist, dass alles Leben auf der Erde – ob Tier oder Mensch - ein Geschenk Gottes ist.

Was wir auf Feldern und in Gärten ernten, ist Zeichen von Gottes Güte. Wir Menschen sind nur die Verwalter dessen, was Gott in seiner Schöpferkraft schenkt und wachsen lässt. Was im Meer schwimmt, was Gott in die Erde an Rohstoffen gelegt hat, was er an Energie in Öl oder Gas, in Wind- oder Flusskraft zum Leben gibt – das alles hat Gott dem Menschen anvertraut, dem Menschen, der sein Bild ist, sein Bevollmächtigter auf der Erde.
Die indianischen Ureinwohner Amerikas personifizierten die Natur als „Mutter Erde“. Dementsprechend respektvoll war auch ihr Umgang damit. Bevor sie ein Tier erlegten und verwerteten, baten die Indianer es um Verständnis dafür, dass es einer Notwendigkeit geopfert wurde, um menschliches Überleben zu sichern. Bäume wurden nicht gedankenlos abgeholzt; ihnen wurde zuvor dafür gedankt, dass sie Wärme spendeten und die Nahrungszubereitung ermöglichten. Dieser achtsame Umgang mit dem, was die Erde bot, diente ausschließlich der menschlichen Grundversorgung und hatte nichts mit unserer heutigen Gewinnmaximierung zu tun.

Die letzten Jahre mit all ihren Krisen haben uns gezeigt, wie verletzlich unsere Existenz ist und dass ein verantwortungsvoller Umgang mit der Schöpfung unerlässlich ist. Ihre Würde ist von hohem Wert und nicht verhandelbar. Ihr diese Würde zu erhalten, liegt an jedem von uns und beginnt bereits im Kleinen mit der Vermeidung von Verpackungsmaterial, achtsamem Umgang mit Lebensmitteln oder öfter mal den Verzicht aufs Auto, um nur einige Schlagwörter zu nennen. Was die Erde braucht sind Menschen, die vom Geist einer kosmischen Spiritualität beseelt sind, wie es die Indianer einst waren, religiöse Menschen, die empfindsam sind für die Würde der Schöpfung. Denn der Mensch kann nur überleben, wenn er im Einklang mit der Schöpfung lebt.                                                                                Frei nach Herma Brandenburger